Gründerstory

Neu laufen lernen mit eigener Erfindung

Berlin | 03.03.2015

Das Team REMOD ist ein Start-Up aus dem Bereich Rehabilitationsmedizin. Foto: hemiparese-therapie.de
Das Team REMOD ist ein Start-Up aus dem Bereich Rehabilitationsmedizin. Foto: hemiparese-therapie.de

Ohne technische Vorkenntnisse entwickelte Anna Gutmann für ihre halbseitig gelähmte Tochter Dindia ein Gerät, mit dem diese wieder das Laufen lernte. Um auch anderen zu helfen, entwickeln nun beide mit dem Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg (BPW) daraus ein Geschäftskonzept, mit dem sie in der ersten Phase bereits gewonnen haben.

Dindia und Anna Gutmann sind nicht nur Mutter und Tochter, sondern ein Team mit einer Mission. Zusammen haben sie ein innovatives Produkt entwickelt, das für viele mehr Lebensqualität und Selbstständigkeit bedeuten kann. Dabei begann alles mit einem Schock: Bereits drei Monate vor der Geburt hat Dindia einen Schlaganfall. Seitdem leidet sie unter einer halbseitigen Lähmung, einer sogenannten Hemiparese. Diese führt zu Verschleißerscheinungen in den Gelenken, großen Schmerzen und einer Spastik. Trotz mehrerer Therapien können die Ärzte nicht verhindern, dass Dindia das Laufen immer schwerer fällt. Mit elf Jahren verbringt sie immer mehr Zeit im Krankenhaus und allein auf dem Sofa, wird depressiv. Die spastischen Krämpfe verstärken sich, ein Leben im Rollstuhl scheint unausweichlich.

Ein Gerät bringt die Welt ins Lot
Obwohl die Ärzte meinen, es gäbe medizinisch wenig Hoffnung, überlassen Mutter und Tochter sich nicht dem Schicksal, sondern stellen sich der Herausforderung. Anna Gutmann entwickelt zunächst eigene Körperübungen für Dindia, trainiert mit ihr jeden Tag das Laufen. Anfangs korrigiert sie die Haltung ihrer Tochter durch Zurufe. Daraus entstand 2005 die Idee eines Gerätes, dass diese Aufgabe durch elektronische Impulse übernimmt. Hängt die Schulter schief, sendet es diese Signale, bis die Haltung wieder waagerecht wird. Die Bauanleitung dazu entwickelt die Mutter aus der Erklärung der skeptischen Neurologen und den Mitarbeitern des Elektrofachgeschäfts um die Ecke. Schritt für Schritt lötet sie ohne technische Vorkenntnisse eine Apparatur zusammen, verfeinert diese durch Tests mit ihrer Tochter immer weiter und baut 2005 den ersten Prototypen – verpackt in einer pinkfarbenen Brotbox. Dindia Gutmann erlernt mit dem Gerät und der Hilfe ihrer Mutter wieder das Gehen: Beim ersten Ausprobieren ruft sie begeistert: „Mama, die Welt wackelt ja gar nicht mehr."

Von der Brotbox zum serienreifen Prototypen
Dieses gewonnene Lebensgefühl möchten Dindia und Anna Gutmann auch anderen Patienten ermöglichen und entwickeln das Gerät mit professioneller Hilfe weiter. Diese erhalten sie durch eine entscheidende Begegnung: Auf der Langen Nacht der Wissenschaft 2008 lernt die Mutter Dr. Wolfram Roßdeutscher kennen. Er arbeitet als leitender Oberingenieur im Bereich Medizintechnik an der Technischen Universität Berlin und ist Spezialist für Hilfsgeräte für Menschen mit Behinderung. Der Ingenieur ist sofort begeistert von dem Produkt und unterstützt seine Entwicklung. Von 2008 bis 2013 entsteht durch mehrere klinische Tests und wissenschaftliche Arbeiten aus der pinkfarbenen Brotbox ein Gerät namens Remember Motion Device (ReMoD).

Bei den Tests zeigt sich, dass das Gerät auch Skoliose-Patienten mit verformter Wirbelsäule, sowie Menschen mit Haltungsschäden unterstützen kann. Es ist nun deutlich kleiner und ein unauffälliger Begleiter im Leben von Dindia Gutmann. Sie nutzt es auch auf Partys, studiert Volkswirtschaftslehre an der Humboldt Universität Berlin, geht für drei Monate nach Israel und macht ein Auslandssemester in Portugal. „Kaum jemand hat mich darauf angesprochen", sagt die junge Frau. „Mein Selbstbewusstsein stieg von Null auf Hundert". Während sie früher maximal 200 Meter gehen konnte, wandert sie heute leidenschaftlich und legt problemlos Wegstrecken von 14 Kilometern zurück.

Maßgeblich daran beteiligt ist Andreas Baranek, der als Ingenieur für Technische Informatik der TU Berlin und Energieelektroniker das Produkt weiterentwickelt hat. Zudem verstärken das Team Marcel Tschöpe, der ebenfalls von Geburt an halbseitig gelähmt ist, Sportwissenschaften studierte und die klinischen Tests begleitet sowie Deborah Laborde, die kaufmännische Geschäftsleiterin. Prof. Dr. Duesberg, Facharzt für Orthopädie und Rehabilitationsmedizin, berät in medizinischen Fragen. Er wirkte auch auf eine Vereinfachung der Menüführung hin und eine elektronische Auswertung, um Therapieerfolge zu dokumentieren.

Der BPW als Wegbereiter
Auf dem Weg in die Selbstständigkeit begleitet das Team nun der Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg. Der Impuls kam vom Gründungsservice der TU Berlin, der die Gründer bei ihrem Antrag für ein Stipendium von EXIST, dem Programm des Bundeswirtschaftsministeriums, unterstützte. „Wichtiger als das Geld ist die ideelle Förderung. Diese Leute helfen gerade auch in kritischen Zeiten", unterstreicht Anna Gutmann. Obwohl sie noch nie etwas vom Business Modell Canvas gehört haben, beschäftigt sich das Team genauer mit der noch relativ neuen Art, ein Geschäftsmodell in neun Feldern zu veranschaulichen, beteiligt sich in dieser Kategorie an der ersten Phase des BPW 2015 und gewinnt den ersten Preis, den sie bei der Prämierung am 19. Februar in Potsdam erhalten haben.

ReMoD durchläuft in der nunmehr sechsten Generation noch zusätzliche Tests. Nach deren Abschluss und der wissenschaftlichen Veröffentlichung wollen Dindia und Anna Gutmann im Mai 2015 die Zulassung als Medizinprodukt beantragen und im nächsten Jahr in die Produktion gehen. Alles weitere Schritte für Anna und Dindia Gutmann und ihr Team auf ihrem beeindruckenden Weg, nach ihrem Unternehmensmotto „Walking towards a better future".

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